SymbolbildLandestheater Tübingen: Werkstatt
Annexionen und Übergriffe
Matinee von und mit Jürgen Wertheimer, Zu Gast: Helge Thun
Einer rein subjektiven Erhebung eines einzelnen Komikers zufolge sank der Bevölkerungsanteil, der über die Frage „Was sagen Sie als Unbeteiligter zum Thema Humor?“ noch lachen kann, zwischen 1986 und 2026 um gut 80 Prozent. Nun könnte man einwenden: Ein guter Komiker macht Witze über sich selbst, nicht über andere. Aber heißt das im Umkehrschluss nicht auch, dass ein gutes Publikum über sich selber lachen können muss? Und was passiert, wenn beide Spezies vom Aussterben bedroht sind?
Die simplen Zeiten, in denen sich religiöser Eifer auf Gott und revolutionärer Gerechtigkeitskampf auf die Klassenpolitik beschränkten, sind vorbei. Heute verteilen sich Moralapostel, Kreuzritter und Revolutionsführer gleichmäßig auf jedes noch so kleine Nischenthema.
Manche Humorexperten warnen bereits vor Pointen über das Briefmarkensammeln – aus Angst vor dem Shitstorm der Selbstgerechten, die den potenziellen Opfern vorsorglich zur Hilfe eilen. Nicht umsonst heißt es schließlich „Heiliger Ernst“ und nicht „Heiliger Spitzengag“.
Das Wesen des Witzes ist das Tendenziöse: die Verletzung des Tabus, die Missachtung des Heiligen, die Auflösung der Eindeutigkeit. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Aber was passiert, wenn trotz Humor niemand mehr lacht? Das gab es früher nur am Totensonntag.
Dr. Bernd Villhauer (Weltethos-Institut) moderiert diesen Vormittag. Im Gespräch mit Helge Thun und Jürgen Wertheimer schlägt er die Brücke von großen philosophischen Fragen direkt zur aktuellen Real(satire)politik. Flankiert wird er dabei von Helge Thun, der bereits die ersten Veranstaltungen dieser Reihe humorvoll begleitet hat. Der Comedian und Wortakrobat bewies schon damals virtuos, dass sich Tiefgang und Humor keineswegs ausschließen. Diesmal ist er der Hauptgast.
Landestheater Tübingen